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VERMERK: Abkürzungen zur angeführten Literatur s. Literatur

Verzierung

3. Die sterbenden Kleinen Kinder – die Behinderten – Jeder

Ozdobnik

Wir kehren zur Lage der sterbenden Kleinen Menschen, dieser nicht Geborenen, zurück. Dasselbe gilt aber auch von jedem anderen Sterben, u.a. von Behinderten, Geisteskranken, allerlei Benachteiligten, solchen, die der Meinung nach der Ärzte und Psychologen keine menschlichen zurechnungsfähigen Betätigungen und Entscheidungen zu fällen imstande sind, wie anderseits von allen Menschen, die z.B. von Jesus Christus und Gott überhaupt niemals gehört haben, bzw. es wurde ihnen ein Bild Gottes eingeredet, das in totalem Widerspruch dazu steht, Wer der Dreieinige in Wirklichkeit ist: Schöpfer und Erlöser.

Es besteht wohl kein Zweifel, dass der Erlöser besonders intensiv eben in der Stunde wirkt, wenn der einzelne Mensch auf das ‘andere Ufer’ hinübergeht, d.h. wenn er stirbt. Der Preis der Erlösung des Menschen ist allzu hoch: geht es doch um das Leben Gottes selbst im Erlösten, dass die Frucht der Erlösungs-Marter des Menschen-Sohnes nicht vergebens sein sollte. Der Erlöser setzt zweifelsohne im wörtlichsten Sinn dieses Wort in die Tat um, das der Hl. Johannes er Apostel vom Sterben eines jeden der Erlösten eingetragen hat:

„Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten.
Wenn Ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereite,
komme Ich wieder und werde euch zu Mir holen,
damit auch ihr dort seid, wo Ich bin ...” (Joh 14,2f.).

Diese Worte können unmöglich – nicht ausnahmslos jeden Menschen betreffen. Und daselbst auch diese Kleinen Menschen, diese nicht Geborenen – und gerade Sterbenden. Außerdem auch alle Behinderten, Geistesschwachen, Bewusstlosen, die Menschen aus der Zeitepoche vor Christus und diese aus der Zeit nach Christi Geburt, unabhängig davon, ob sie Gott kennen oder nicht. Jesus Christus ist unabhängig von allen ‘Meinungen’ über Ihn – sowieso Erlöser ausnahmslos eines jeden Menschen.

Wie „steht und klopft” der Erlöser „an der Tür des Herzens” (DiM 8e-f) dieses Kleinen Menschen an, wenn seine Entwicklung zurzeit erst die Stufe der Zygote betrifft, oder sei es schon des Embryos?

Indessen Er selbst, der Erlöser hat es verheißen, dass „...Wenn Ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereite” – im Haus des Vaters, „komme Ich wieder und werde euch zu Mir holen”.

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Erklärung

Niemand kann bestreiten, dass es dem Erlöser ‘auf Zuwachs’ vollends ‘ausreicht’, wenn Er diesen Sterbenden, darunter auch diesen erst im Stadium der Zygote usw., in diesem Augenblick mit einer Blitz-Erleuchung beschert, die von Ihm als dem „Licht der Welt” strahlt. Es reicht vollends, dass die Aktivation des Bewusstseins dieses Kleinen Menschen wenn auch nur für ein milliardstes Sekundenteilchen betrifft. Als Gott-Mensch ist Jesus Christus Herr der Geschichte, Herr selbstverständlich auch über die gerade ablaufende ‘Zeit’! Er hat es von Sich gesagt, dabei ist Er doch allzu seriös, um den Inhalt seiner Aussagen nicht in die Tat umsetzen zu können und wollen:

Ich bin das Licht der Welt. Wer Mir nachfolgt,
wird nicht in der Finsternis umhergehen,
sondern wird das Licht des Lebens haben ...” (Joh 8,12).

Bei solcher Voraussetzung erkennt dieser Kleine Sterbende Mensch – und dasselbe betrifft jeder andere Sterbende, u.a. auch die Personen der Behinderten, Hinfälligen, mit Schwäche ob an Leib oder Geistesvermögen – den Erlöser im Moment jener ‘Blitz-Erleuchtung auf solche Art und Weise, wie Er es in den gerade erörterten Worten bei seiner Abschiedsrede angekündigt hatte:

„Wenn Ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereite,
komme Ich wieder und werde euch zu Mir holen,
damit auch ihr dort seid, wo Ich bin ...” (Joh 14,3).

(0,2 kB)  als der Gekreuzigte, also schon Gestorbene: sind doch die Strahlen von seiner durchbohrten Seite erst nach seinem Tod hervorgesprudelt.

(0,2 kB)  zugleich ist es aber Christus der Lebendige. Er erteilt doch den Segen, ermutigt, und provoziert das Anvertrauen auf sich als den Erlöser. Er geht der Erste entgegen. Es ist also Christus der schon Auferstandene.

Eben in solcher Gestalt erscheint Jesus Christus vor jedem Sterbenden. Er kommt von außerhalb der Zeit – in diesem Augenblick der Berührung des Irdischen mit dem Ewigen. Er provoziert bei diesem Sterbenden – als Erlöser, also der Gekreuzigte, aber zugleich Auferstandene – die Annahme einer deutlichen Stellunghaltung, von der seine Ewigkeit abhängen wird. Jesus fragt nämlich ungefähr folgender:

„Du mein vielgeliebtes Kind!
Liebst Du
Deinen Schöpfer?
Denn Er wurde zugleich
Dein Erlöser ... !?”

In diesem kurzen, beschleunigten Dialog erläutert Jesus dem Sterbenden außer Zweifel, Wer Er ist. So wie Er es damals, dem geheilten Blinden getan hat. Der Geliebte Jünger des Meisters hat es uns im einzelnen beschrieben:

„... ‘glaubst Du an den Menschen-Sohn?’
Der Mann antwortete:
‘Wer ist das, Herr? Sag es mir, damit ich an Ihn glaube!’
Jesus sagte zu Ihm:
Du siehst Ihn vor dir! Er, der mit Dir redet, ist es!’
Er aber sagte:
‘Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor Ihn nieder’ ...”
[= genauer vom griech.: prosekúnesen = er fiel vor Ihm auf die Erde und streckte sich ganz darauf, in Erweis seiner Anbetungsehre: Huldigung vor Gott!] (Joh 9,35-38).

Gottes Treue zum Bund, den Er dem Menschen angeboten hat: der Kommunion in Gottes Leben und Gottes Liebe – erlaubte es dem Erlöser nicht, dem Sterbenden, u.a. jedem Sünder, aber ebenso diesem Kleinen, erst Ein-Zelligen, nicht die Chance anzubieten, dass er eine personale Entscheidung fällt, sollte es erst jetzt geschehen, hinsichtlich der Wahl – dieses Mal diese definitive für die Ewigkeit: für – oder gegen den Dreieinigen. Dieser aber, der Dreieinige, geht einzeln jedem entgegen im Menschen-Sohn Jesu Christi, der der Fleisch-Gewordene Gott und zugleich Erlöser des Menschen: Mann und Frau, geworden ist.

Ozdobnik

4. Was mit dem ‘Abgrund der Unterwelt’?

Die Unterwelt [hebr. scheol; lat.: infernum = ‘Unterwelt’, Todesreich; manchmal in Bedeutung: Hölle: abhängig vom Zusammenhang] bedeutet in der Terminologie der Offenbarung Gottes im Alten Testament diesen Ort, an den die Menschen in der Sterbestunde gelangen. Die Frage nach dem ‘Scheol’ (hebr.: Unterwelt, Totenwelt, Todesreich) bedeutete für die Gläubigen der Zeiten des Alten Testaments ein riesiges Problem. Gott erachtete es nicht für nötig, in den Zeiten des Alten Testaments auf die erwähnte Frage eine genauere Antwort zu bieten: Wie das Jenseitsleben aussehen wird.

Alle haben seit immer die Glaubensüberzeugung vertreten: Gott ist die Gerechtigkeit selbst. Diesbezüglich gab es nie einen Zweifel.
– Es bestand auch ab immer der Glaube an die außer-Irdische Existenz. Daran hat einmal auch Jesus angeknüpft – bei seiner Auseinandersetzung mit der Abzweigung der Jüdischen geistigen Führer dieser Zeiten, den Saduzzäern. Und zwar die Saduzzäer haben weder auf das Jenseits-Leben, noch auf die Auferstehung geglaubt (s. z.B.: Mt 22,23; Apg 23,6). Jesus brachte ihnen damals auf ganz einfache Weise zum Bewusstsein, das sie mit ihrer Haltung der Zurückweisung des unsterblichen Lebens – eine unverständliche Inkonsequenz ihres doch bekannten Glaubens erweisen:

„Habt ihr im übrigen nicht gelesen, was Gott euch über die Auferstehung der Toten
mit den Worten gesagt hat:
Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs?
Er ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden’ ...” (Mt 22,31f.).

Besonders schwer zu lösendes Problem für die Leute des Alten Testaments war die hartnäckig anhaltende falsche Anschauung hinsichtlich der Art und Weise, wie Gott seine Gerechtigkeit offenbart und in die Tat umsetzt, was die sterbenden Gerechten angeht – im Gegenteil zu Ungerechten. Ganze Jahrhunderte hindurch hielt in Israel die falsche Anschauung an, sowohl die einen, wie die anderen gelangen in der Stunde ihres Todes in den ‘Scheol’, d.h. in die ‘Unterwelt’. Der Gedanke selbst an diese Lösung galt für die treuen Verehrer Jahwéhs selbstverständlich als Entsetzlichkeit.

Bis sich der Herr zuletzt erbarmt hat und auch diese Hinsicht der Wahrheit der Offenbarung ein wenig klarer enthüllt hat. Das geschah allmählich erst in den letzten Jahrhunderten des Alten Testaments.

Zum ‘Auslösungspunkt’ für die weitere Entwicklung der Offenbarung wurden damals u.a. die religiösen Verfolgungen der Judäer in der Zeit der Makkabäer, unter Antiochus IV. Epiphanes (besonders in Jahren 167-164 vor Chr.). Das Volk Gottes ist sich damals um die weitere Stufe der sich erst entwickelnden Gottes Offenbarung bewusst geworden. Gott hat nämlich damals seinem Volk enthüllt, dass das Geschick der Menschen nach ihrem Tod unterschiedlich sein wird – abhängig davon, ob sie gerecht oder ungerecht waren; und dass auch die Auferstehung des Leibes erfolgt (s. vor allem: Dan 12,2f.; Weish 2,23f.; 3,1-11. S. auch u.a: Ks. Pawel Leks, Dein WORT ist WAHRHEIT, a.a.O., S. 223f.).

Es muss auch angedeutet werden, dass in der Zeitepoche schon des Christentums ganze Jahrhunderte hindurch hier und da, teilweise bis zu heute, die Anschauung anhielt, in den ‘Scheol’ sollten nach dem Tod diejenigen geraten, die gerecht, aber nicht getauft waren. Und dass in den Scheol, die sog. Unterwelt, bzw. den Todesreich – u.a. gerade auch die nicht geborenen Kinder gelangen, die also auf irgendwelche Weise umgekommen sind, ohne zuvor die Heilige Taufe empfangen zu haben.

Diese Anschauung begründete man aufgrund des Prinzips, dass diese Kinder mit der Erbsünde belastet sind, also sie entbehrten der Heiligmachenden Gnade. Anderseits aber haben sie in ihrem Leben keine persönliche, zurechnungsfähige Sünde begangen. Es schien den Vertretern dieser Meinung, diese Kinder – wie auch andere Menschen in ähnlicher Lage, sind zwar nicht verdammt, aber auch nicht voll erlöst.

Hier ist der Grund für die theologisch nicht begründete, dennoch bisweilen trotzig weiter vertretene Meinung, solche Kinder sollten sich im ‘Scheol’ befinden [lat.: limbus puerorum = Unterwelt, Untergrund: Ort für ... Ungetaufte Kinder]. Ihr Aufenthaltsort wäre demnach irgendwie zwischen Himmel und Erde aufgehangen. Die Kinder sollten selbstverständlich ohne die glückselige Anschauung Gottes leben, im Gegenteil zu den Getauften, die von der Welt im Zustand der Heiligmachenden Gnade geschieden sind.

Wir müssen uns aber zum Bewusstsein bringen, dass ab dem vollbrachten Werk der Erlösung der Sinn und die Zeit des Daseins des ‘Scheols’ auf definitive Weise aufgehört hat. Die Existenz des ‘Scheols’ hatte ihren Sinn im Zeitraum vor der vollbrachten Erlösung. Dorthin gelangten alle jene Menschen, die von dieser Welt im Zustand der Heiligmachenden Gnade geschieden sind, nur dass es noch in der Zeit vor dem vollbrachten Erlösungswerk geschah.

In der Stunde, als Jesus seinen Geist dem Vater anvertraut hat und gestorben ist, ist Er eben dorthin: in den Scheol, hinabgestiegen. Dieser Glauben wird mit den Worten des ‘kürzeren’ Glaubens-Bekenntnisses zum Ausdruck gebracht:

(Ich glaube an ...) ... und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes (lat.: descendit ad Inferos), am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters ...”.

Mögen diese Worte: „... hinabgestiegen in das Reich des Todes” [lat. ‘descendit ad Inferos ...’] auf keinen Fall von der ‘Hölle’ verstanden werden, d.h. von diesem Ort und Zustand, wo Satan und die verdammten Menschen weilen! Dorthin ist Jesus nicht hinabgestiegen! Jesus Christus stieg dagegen bei seinem Sterben in den Ort des ‘Scheols’ hinab.

Die lateinische Bezeichnung, die dem hebräischen Wort ‘Scheôl’ entsprechen soll, lautet: ‘infernum’. In machen europäischen Sprachen wurde es ungeschickt mit dem Ausdruck übersetzt: ‘Unterwelt-Hölle’. Indessen hinter dem Ausdruck ‘Hölle der Verdammten’ steckt ein Inhalt und eine Wirklichkeit, die wesentlich anders ist als diese Wirklichkeit, die mit dem Ausdruck ‘Scheol-Unterwelt’ angedeutet wird, obwohl sie mit dem ähnlich lautenden Wort ausgedrückt wird: „... hinabgestiegen in das Reich des Todes (lat.: ad inferos = hebr. in den Scheôl)”.

An den Hinabstieg Jesu in den ‘Scheol’ im strikten Anschluss an seinen Tod am Kreuz knüpft im Neuen Testament der Brief des Hl. Petrus an:

„Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, Er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen. Dem Fleisch nach wurde Er getötet, dem Geist nach Lebendig gemacht.
– So ist Er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren [= anschaulich dargestellte Unterwelt = hebr. Scheôl], und hat ihnen gepredigt [über die vollbrachte Erlösung]. Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde ...” (1 Petr 3,18ff.).

Vom Anfang an des Christentums hält der Apostolische Glauben an, dass Jesus Christus in der Stunde seines Todes zuerst eben in den ‘Scheôl’ hinabgestiegen ist. Dort hat Er alle in diesem Ort weilenden begrüßt, angefangen von den Ur-Eltern Adam und Eva, über alle „Gerechten”, die von dieser Welt in Heiligmachender Gnade geschieden sind. Er hat sie begrüßt ähnlich wie auch die Apostel – mit den Worten: „Friede sei mit euch” (vgl. Joh 20,20f.). Im selben Augenblick hat er sie alle gleichsam vom Schlaf der Todes-Lethargie und der so lange erwarteten „Fülle der Zeiten”, samt des vollbrachten Werkes der Erlösung, aufgeweckt. Die Seelen dieser Gerechten hat dann Jesus Christus, als seine gleichsam siegreiche Begleitung, am Tag der Himmelfahrt in das „Haus des Vaters”  hinübergebracht (s. zum Thema des Hinabstieges Jesu Christi in die „Unterwelt”, u.a.: KKK 632ff; ebd. ein Fragment aus der urchristlichen Homilie zum Karsamstag – über den Hinabsteig Christi in die Unterwelt).

In selber Stunde hat die ‘Unterwelt’ [= der ‘Scheôl’] zu existieren aufgehört. Anders gesagt: nach dem vollbrachten Erlösungswerk Christi bleibt nur noch entweder der Himmel – eventuell das Fegfeuer, wo die schon Erlösten Menschen weilen, die aber zusätzlich ihre Läuterung durchmachen müssen, um die Heiligkeit und Liebe Gottes „von Gesicht zu Gesicht” anschauen fähig zu sein – oder anderseits die Hölle der ewigen Verdammnis.

Es gibt offensichtlich nicht, noch wird es je geben – das Zunichterichten irgendeines Menschen, gleichsam seine Annihilation im Augenblick des Todes, möchte sich diese jemand noch so sehr wünschen, um nur der Verantwortung für seine Taten in Gottes Augen zu entweichen (s. dazu auch ob.:  New Age – Reinkarnation – samt dem Zusammenhang). Daher kann es im Fall des Todes eines unserer Nächsten o.dgl. keine schlimmere Lösung geben, als die Beerdigung ganz ‘anonym’ zu veranstalten – ohne den Geistlichen, ohne ein Gebet für den Verstorbenen, ohne ein Heiliges Kreuz auf seiner deutlich angezeigten Beerdigungsstätte aufgestellt zu haben, ohne den Namen des Verstorbenen darauf geschrieben zu haben ... Denn der Verstorbene benötigt vielleicht gerade erst jetzt die reichliche Gebetshilfe vonseiten vor allem seiner Allernächsten!

Es gibt auch keinen ‘Ort’, noch einen Zustand des ‘Aufgehangenseins’ zwischen Himmel und Erde – im Zustand der sog. ‘reinen Natur’. Beim Menschen hat es den Zustand der ‘reinen Natur’ niemals gegeben. Jeder Mensch wird, als unveräußerliches und unabtrittbares Gottes Ebenbild, samt seiner Empfängnis zu gleicher Zeit zum ewigen – Leben berufen. Diese Berufung besteht ganz unabhängig von seinem Wissen und Wollen darüber.


Kehren wir nochmals auf die sterbenden Kleinen Nicht-Geborenen Kinder zurück, können wir nur hoffen, dass ihre Entscheidung im Augenblick des Sterbens, wenn sie in diesem Moment vom Erlöser mit der Gabe des Blitz-Bewusst-Werdens begabt werden, sich für ihr sofortiges Anhangen und Anvertrauen auf den Erlöser des Menschen, Jesus Christus, gestaltet. So ist es zu ihrem persönlichen Wohl – jetzt schon für die Ewigkeit, und zugleich zur höchsten Freude des Erlösers und des ganzen Himmels.

Jesus selbst wird aber selbstverständlich – schon ungeachtet vom Heiligen Schutzengel des Sterbenden – vor allem von seiner Unbefleckten Mutter begleitet. Beten doch die Christen bei jedem „Gegrüßet seist Du, Maria” nicht umsonst mit diesen ermutigenden und vertrauensvollen Worten, wie ein Kind in Bedrängnis sich zu seiner besten Mutter wendet:

„... Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder,
jetzt – und in der Stunde unseres Todes!
Amen”

Es ist klar, jeder dieser Sterbenden Kleinen Menschen, ähnlich wie jeder andere Mensch, muss auch über so viel Freiheit seines Willens verfügen, dass er auch den sich ihm in dieser Stunde offenbarenden Erlöser – Jesus Christus, zurückweisen, und Ihm ins Gesicht dieses furchtbare Wort werfen kann: „Nein! Ich will Dir nicht dienen! Ich will Dich nicht kennen! Ich wähle als meinen ‘Vater’ – den Satan”.

Jesus wäre im selben Augenblick genötigt, dass Er sich mit unendlichem Schmerz seines Herzens von ihm ... zurückzieht: für ewig! Der Erlöser würde in diesem Fall nur noch die – unwiderruflich gefällte, bewusste und absichtliche Entscheidung dieses Jemanden, mit Ehre vor seinem freien Willen ... bestätigen.

Zu selber Stunde aber würde Jesus Christus, der Erlöser des Menschen, dann ein Schmerzes-Geschrei des ganzen Dreieinigen ausstoßen, dessen Echo von einem Ende bis zum anderen des Weltalls mit sich nicht mehr lindern lassenden Klageruf erschallen würde:

„Kind Meines Erlösungs-Blutes!
Kind Meines unendlichen Schmerzes!
Es geschehe Dir
nach deiner vorsätzlichen
Entscheidung.

Ist es doch nicht Mein Wille:

Geh demnach weg von Mir –
in Kraft deiner Entscheidung,
jetzt schon
für die Ewigkeit ...!”

Hierin findet ihre tiefste immerwährende, ungemein dringende Begründung die Pflicht zur Dankbarkeit und zugleich der Bedarf, den Nächsten gegenüber die Barmherzigkeit ... zu erweisen. Man soll nämlich innigst auch für die sterbenden Kleinen Kinder ... beten, wie übrigens für jeden Menschen überhaupt, zumal diese am Sterben. Dass sich die letztliche Entscheidung in Richtung hin der Annahme der Gabe der Erlösung gestaltet: zu ihrem eigenen Wohl und ihrer Glückseligkeit für ewig, und zum ‘Trost’ für den Menschen-Sohn. Dass seine Göttlich-Menschliche, in eigenem Blut gebadete Mühe bei der Erlösung des Menschen, nicht vergebens gewesen wäre

Hier liegt auch die Begründung, warum auch das Werk der ‘Adoption der Nicht-Geborenen Kinder’ dauernd vollends zeitgemäß bleibt.

Ozdobnik

5. Das Päpstliche Wort: „ ... Es lebt jetzt in Gott”

Es sollte noch erwähnt werden, dass Johannes Paul II. sich auf ganz charakteristische Weise vom ewigen Geschick der Nicht Getauften Kinder äußert, zumal dieser Abortierten. Seine Aussage darüber ist bündig – sie steht in seiner Enzyklika „Evangelium Vitae” (1995). Es geht um das Fragment, in dem sich der Papst direkt an Frauen wendet, die sich zum Verbrechen des Schwangerschafts-Abbruchs: der Tötung des Kleinen Menschen, bekennen. Hier seine Worte darüber:

„... Der Vater allen Erbarmens wartet auf euch
[= Mütter, und nicht nur, mit wahrgenommener Dieser Schuld],
um euch im Sakrament der Versöhnung seine Vergebung und seinen Frieden anzubieten.
Entdeckt, dass noch nichts verloren ist,
und ihr werdet auch euer Kind um Vergebung bitten können: es lebt jetzt in Gott ...” (EV 99).

Es gehört sich zu bemerken, dass der Heilige Vater hier u.a. deutlich die Notwendigkeit hervorhebt, das getötete Kind um Vergebung zu bitten! Diese Hinsicht haben wir schon bei der Besprechung des Tribunals der Barmherzigkeit entschieden hervorgehoben (s. ob.:  Ratschläge für den Fall der sakramentalen Beichte; – und noch: Im Fall des zugefügten Todes ...).
– Aber unabhängig von der Frage des Pönitenten, d.i. des Beichtenden, bezeichnet hier der Papst auf ungemein charakteristische Weise den zeitweiligen Status jener getöteten, offenbar nicht getauften Kinder. Er wendet hier übrigens den Singular an: „... es lebt jetzt in Gott ...” (EV 99).

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Erklärung

Es könnte bemerkt werden, dass sich der Heilige Vater hier nur allgemein ausgedrückt hat – und bewusst nicht allzu präzise. Er möchte in diesem Augenblick die theologische Frage nicht entscheiden, ob solche Kinder im Himmel sind, oder im Fegfeuer. Man kann aber schwer leugnen, dass der von ihm angewandte Ausdruck: „... es lebt jetzt in Gott ...”  eine ganz ungewöhnliche Bezeichnung darstellt, die zugleich vieles aussagt.

Allerdings ein Schluss scheint aus seiner Aussage mit wahrgenommener Gewissheit der Offenbarung zu folgern sein:

butt  Wenn solche Kinder „in Gott leben”, kommt ihre ewige Verdammnis nicht in Rechnung.

butt  Sind diese Kinder nicht in ewiger Verdammnis, können sie entweder sofort im Himmel sein, oder auch in das ... Fegfeuer gelangen.

butt  Sollten sie im Fegfeuer weilen, bedeutet das, dass sie daselbst erlöst sind. Denn vom Fegfeuer gibt es nur noch eine Tür, die direkt in den Himmel führt. Vom Fegfeuer gibt es keine Rückkehr auf die Erde, und umso mehr gibt es von dort aus keine Möglichkeit in die Hölle zu kommen. Das Fegfeuer erfüllt nur die Aufgabe der letztlichen Vorbereitung der dort weilenden Erlösten – indem ihre Liebe zu Gott und den Nächsten ‘geläutert’ wird, bis zur vollen Vereinigung in Liebe und im Leben mit dem Dreieinigen, jetzt schon für immer – im Himmel.

butt  Aber unabhängig von dem allem gehört es sich zu sagen, dass die Sterbenden im Zustand der Heiligmachenden Gnade in das Fegfeuer nur dann hinkommen, falls sie die Strafe nicht völlig gebüßt hätten wegen der schon vergebenen Sünden-Schuld, z.B. wenn der Akt der Reue bei der sakramentalen Beichte nicht völlig uneigennützige Liebe auswies – „um Gottes als der Liebe willen”. Im Fall solcher Kleinen Kinder, sollten es auch nicht getaufte Kinder sein, ist die persönliche Schuld und daselbst die Strafe wegen der unvollkommenen Liebe zu Gott und den Nächsten wohl ... eigentlich ausgeschlossen.

Daselbst sollte dem Erlöser nur gedankt werden, dass diese Gestorbenen nicht Getauften „jetzt in Gott leben”. Der Erlöser ‘kann sich das erlauben’, dass Er diesen Kleinen die Gnade der Heiligen Taufe: Tilgung der Erbe der Ur-sprünglichen Sünde – auf eine andere Weise verleiht, d.h. dieses Mal nicht durch die Vermittlung der von Ihm gegründeten Kirche, und zwar nicht über das Sakrament der Heiligen Taufe.

Diese Kinder sind im Herzen Jesu gut ‘versichert’ und beschützt. Das Herz Jesu ist voller Liebe und Güte. Es ist Leben und unsere Auferstehung. Könnte im ganzen Kosmos ein noch mehr ‘versicherter’ Ort gefunden werden, als eben dieses: „im Gott ... leben”  zu dürfen?

Verzierung

6. Der Festtag der Unschuldigen Kinder und die Nicht
Geborenen

Bei der Lösung der Frage nach ‘ewigem Geschick’ der Opfer der besprochenen, schaudererregenden Todes-Saat, und zwar der Empfangenen – nicht Geborenen, die auf unterschiedliche Art und Weise umgebracht werden: mit Schwangerschafts-Abbruch, infolge der an Embryos unternommen Experimente, der unzählbaren Millionen Empfangener, die infolge der ganz allgemein angewandten Abortivmittel, darunter auch des Präservativs getilgt werden – gibt es noch ein Argument, das in seiner theologischen Aussagekraft ungemein stark ist. Es geht um das schon in den ersten Jahrhunderten des Christlichen Altertums gefeierte Fest der Unschuldigen Kinder.

Die Kirche feiert an diesem Tag – kurz nach dem Hochfest des Weihnachtstages: Christi Geburt in Bethlehem – die Knaben aus Bethlehem und der nächsten Gegend, die ‘anstelle’ des damals gefahndenen noch Kleinen Jesus Christus umgebracht worden sind. Dieser grausame Befehl wurde vom damaligen König Herod dem Großen erlassen, der in Tollwut geraten ist, als er erfahren hat, dass die drei Magier, die früher bei ihm zu Besuch waren, indem sie nach dem Kind suchten, das geboren werden sollte und dem sie die Huld als dem künftigen König erweisen wollten, nicht mehr bei ihm erschienen sind, sondern „auf einem anderen Weg in ihr Land heimgezogen sind”. Hier der Bericht vom Evangelium des Hl. Matthäus:

[Die Drei Sterndeuter-Magier] gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter.
Da fielen sie nieder und huldigten Ihm.
Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten Ihm [dem Neugeborenen Kind Jesus]
Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.
– Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren,
zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land” (Mt 2,10ff.).

Hier die Reaktion des Herodes, als er darüber erfuhr:

„Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht haben, wurde er sehr zornig,
und er ließ in Bethlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten,
genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte.
Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist ...” (Mt 2,16f.).

In diesem Augenblick geht es uns nicht um die Problematik der hier erwähnten ‘Magier-Sterndeuter’. Darüber haben wir bereits verhältnismäßig ausführlich, mit wissenschaftlicher Dokumentation, früher, in ganz anderem Zusammenhang gesprochen (s. ob.: Anmerkung. Stern von Bethlehem). Jetzt besinnen wir uns dagegen um die Frage des Festtags selbst, der in der Kirche seit den ersten Jahrhunderten begangen wird: der in den erwähnten Umständen Getöteten Babys und Knaben bis zu zwei Jahren.

Es taucht nämlich die Frage hervor: Wie ist eigentlich der Grundtitel Warum diese Getöteten als Heilige verehrt werden? Wir beanstanden hier selbstverständlich keineswegs das Fest an sich. Wir möchten aber die Frage selbst präzise aufstellen: wie ist der theologische Titel, dass die Kirche diese Kleinen Kinder als Heilige verehrt?

Es scheint, dass hier von diesen Kindern schwer als von Märtyrern im eigentlichen Sinn gesprochen werden kann.
– Anderseits es besteht auch noch die sog. ‘Blut-Taufe’. Sie kommt dann vor, wenn ein Mensch, der nicht getauft ist, sein Leben für Christus hinopfert, der aber gerade in dieser Stunde seinen Glauben an Jesus Christus als den Gott-Menschen und Erlöser bekennt, und diesen Glauben mit eigenem, für Christus vergossenem Blut, besiegelt.

Dieses Kriterium kann aber an jene ermordeten Kinder nicht angewandt werden. Sie haben doch von Jesus Christus nichts gewusst: sie waren im besten Fall noch zu klein, um über Jesus irgendwas Genaueres erfahren zu haben.
– Aber auch die Erwachsenen aus Betlehem und der Umgebung haben wohl von dieser jungen Familie: Josef mit Maria und ihrem Kindlein Jesus, das in einer der Grotten zu Betlehem in die Welt gekommen ist, kaum besseren Bescheid gewusst. Diesen Leuten würde es in den Kopf nicht einmal gekommen sein, dieser Jesus wäre Gott-Mensch, Erlöser des Menschen ! Das geschah doch wohl etwa 30 Jahre vor dem Beginn der öffentlichen Tätigkeit Jesu Christi, wann Jesus seine Gottheit erst selbst mit Wort und Tat bewiesen hat.

Mit anderen Worten, das Argument, diese Kinder zur Reihe der Märtyrer zu zählen kommt überhaupt nicht in Rechnung. Diese Kinder wurden zwar wegen Jesus Christus ermordet. Allerdings: Voraussetzung, um als Märtyrer anerkannt werden zu können, ist das Bewusstsein und die eigene freiwillige Wahl – selbst des Todes, in Verteidigung Gottes selbst, oder der Gebote Gottes, oder endlich einer anderen Hinsicht des Glaubens.
– Im Fall dieser Kinder kann weder von ihrem Bewusstsein, dass sie für Jesus Christus sterben, noch von ihrer freiwilligen Entscheidung: das eigene Leben um Jesu willen dahinzugeben, gesprochen werden.

Wenn jetzt die Kirche diese Unschuldigen Kinder trotzdem als Heilige Märtyrer verehrt, bekennt sie daselbst – wie es scheint – genau dasselbe, was wir hier als die ‘unsere’ theologische Meinung darzustellen versuchen. Diese Meinung gewinnt nur umso größere Stütze aufgrund eben dieses Festtages der Unschuldigen Kinder.

Diesen Sterbenden Knäblein hat ersichtlich Jesus Christus, obwohl damals noch selbst im Baby-Alter, aber als „wahrer Gott vom wahren Gott” und zugleich Erlöser des Menschen – mit zeitlicher Vor-Verlegung, weil noch vor dem vollbrachten Werk der Erlösung – die Gnade des oben erwähnten ‘Bewusstsein-Blitzes’  verliehen. Er musste sich jedem einzeln als ihr Schöpfer und Erlöser zeigen. Diese Kinder mussten auf eine Gott bekannte Weise Jesus Christus ungefähr als solchen ‘erblicken’, wie Er auf dem Bild ‘Jesus ich vertraue auf Dich’  dargestellt ist: als der Gekreuzigte – und doch Auferstandene.
– Dieser Jesus musste jedem einzeln dieser Sterbenden die Frage gestellt haben: „Liebst Du Mich, Deinen Schöpfer und Erlöser”?
– Und jedes dieser Kinder musste Jesu eine ... positive Antwort gegeben haben. Anders widersetzte sich die religiöse Ehre, die den Heiligen Unschuldigen Kindern gehuldigt wird, der gesunden Vernunft und widersetzte sich auch der Würde des Menschen.

Anders gesagt, wenn die Kirche so viele Jahrhunderte hindurch die Unschuldigen Kinder als Heilige verehrt, muss die Gewissheit des Glaubens dahinterstehen, dass diese Kinder im Himmel da sind: dass sie erlöst sind. Gott kann nicht zulassen, dass irgendjemand z.B. als ‘Seliger’ bzw. als ‘Heiliger’ erklärt wird, wogegen die betreffende Person die ewige Erlösung keineswegs erreicht hätte.

Daselbst gewinnen wir aufgrund der Tatsache selbst, dass das Fest der Heiligen Unschuldigen Kindern begangen wird, ein unumstößliches Argument des Glaubens, das die von uns vorgeschobene Meinung zu bestätigen scheint. Und zwar all diesen Sterbenden – Nicht Geborenen, bzw. Geborenen nicht Getauften, erscheint offensichtlich in diesem letztlichen Augenblick ihres Lebens der Erlöser selbst des Menschen. Er stellt sich ihnen vor als der Gekreuzigte, aber Auferstandene Gott-Mensch. Wobei Er ihnen die ermutigende Chance anbietet, dass sie eine vollends bewusste, freie Wahl treffen können: ‘für’ Ihn als den Erlöser, und daselbst für ihr eigenes ewige Leben.

Verzierung

E.   „ER KLOPFT AN ... UND VERLETZT DIE FREIHEIT
NICHT”

Ozdobnik

1. Der Erlöser an der Tür des menschlichen Herzens

Nach dieser langen Digression und nachdem wir das anderswo wichtige Problem besprochen haben, wichtig auch wegen der Thematik unserer WEB-Site: die Ehe-Ethik und Familie, gilt es jetzt an die weitere Erwägung des erörterten Fragments der Enzyklika über die Barmherzigkeit Gottes zurückzukehren. Wir bleiben vor folgenden ihren Worten stehen:

DiM 8c:  „Gerade als der Gekreuzigte
DiM 8d:  Christus ...
DiM 8e:  ist derjenige, der ... an der Tür des Herzens
DiM 8f:   eines jeden Menschen anklopft,
DiM 8g:  indem Er seine Freiheit nicht verletzt,
DiM 8h: sondern aus dieser menschlichen Freiheit die Liebe auszulösen sucht ...” (DiM 8c-h).

Mit Augen des ‘Herzens’ blicken wir beharrlich auf den Erlöser als den Gekreuzigten, also zu Tode Gerichteten, und doch schon Auferstandenen. Der Heilige Vater spricht vom Sohn Gottes, der Jetztzeit in solcher, nicht anderer, Gestalt vortritt. Es könnte drastisch gesagt werden, dem Erlöser ist es nicht ‘schwer’:

„... zu stehen und an der Tür des Herzens
eines (ausnahmslos) jeden Menschen anzuklopfen ...”

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Erklärung

Der Unendliche Gott klopft leise, feinfühlig an, vielleicht kaum hörbar, indem Er an der Tür des Herzens ... eines jeden Menschen ... stehen bleibt ...! Voller ‘Hoffnung’, aber auch ‘Befürchtung’ und Erwartung: Wie die Antwort vonseiten dieses ‘Geschöpfes’ lauten wird, das Er als dieses einzige auf Erden „um seiner Selbst willen beabsichtigt hat” (GS 24).

Der Heilige Vater wendet hier keineswegs nur ein Bild an, das unsere gerührten Tränen von den Augen herauszulösen vermag. Wir stehen hier vor dem Realismus Gottes Feinfühligkeit angesichts dieses seines Geschöpfes, das weiter ... ‘Geschöpf’, und nicht ‘Schöpfer’ bleibt. Wie könnte es aber in Wirklichkeit anders sein, wenn gerade solches Bild über das Gottes ‘artige Benehmen’ vor der personalen Würde des Menschen, uns beständig das Gottes-Geschriebene-Wort einprägt, wenn auch im schon wiederholt angeführten Bruchstück der Apokalypse (Offb 3,20)?

Es besteht kein Zweifel, dass der Erlöser – gerade als Erlöser, also der Gekreuzigte-Auferstandene, eben auf solche Weise, von Weile zu Weile, jeden Tag an der Tür des Herzens jedes einzelnen Menschen „steht und anklopft”. Wie könnte es übrigens anders sein?! Es ist dieser „Gute Hirt”, der vor den Wölfen niemals „flieht” und die Schafe, zumal diese tödlich gefährdeten, was ihr ewiges – Leben – angeht, mit Einsatz des eigenen Lebens verteidigt (s. Joh 10,12f.). Johannes Paul II. schreibt von Ihm in seinem Brief an die Familien – in diesem Fall gerade im Zusammenhang mit der Frage der ehelichen Einheit, wo er auf den Erlöser als diesen hinweist, Wer Er in Wirklichkeit ist, d.h. als den Bräutigam-vom-Kreuz:

„Auf diese Weise, liebe Brüder und Schwestern, Eheleute und Eltern: Der Bräutigam ist mit euch.
– Ihr wisst, dass Er der Gute Hirte ist. Ihr kennt seine Stimme. Ihr wisst, wohin Er euch führt, wie Er um diese Weiden kämpft, auf denen ihr das Leben finden sollt und es in Fülle findet.
– Ihr wisst, wie Er mit den raubgierigen Wölfen ringt, wie Er bereit ist, ihrem Rachen jedes Schaf zu entreißen, jeden Ehemann und jede Ehefrau, jeden Sohn und jede Tochter, jedes Mitglied eurer Familien.
– Ihr wisst, dass Er der Gute Hirte ist, der sein Leben für die Schafe hingibt [Joh 10,11], der die Abwege vieler moderner Ideologien vermeidet, der der heutigen Welt die ganze Wahrheit sagt, so wie Er sie einst den Pharisäern im Evangelium sagte, so wie Er sie seinen eigenen Aposteln verkündete, wonach die Apostel sie in die damalige Welt gebracht haben und sie den Menschen in diesen Zeiten verkündeten: sowohl den Juden, wie den Griechen ...” (BF 18).

„Steht” Jesus auf diese Weise als Erlöser und „klopft an das Herz jedes Menschen” für den Alltag an, so ist dieses sein „Stehen und Anklopfen” an dieses Herz besonders intensiv in der Stunde, wenn dieser konkrete sein Bruder bzw. seine Schwester ‘auf das andere Ufer’ übergehen soll. In diesem Augenblick entscheidet sich das ewige Geschick dieses weiteren Erlösten, der doch nach seinem Ebenbild: des Gottes Sohnes, erschaffen und um den Preis seines Kostbaren Blutes erlöst wurde.

Ozdobnik

2. Wechsel der ‘Rollen’ beim Erweisen und Erfahren
der Barmherzigkeit

Der Heilige Vater betont zweifelsohne ganz stark die Feinfühligkeit und das Zartgefühl des Erlösers angesichts des Geschöpfes seiner Vorliebe, aber zugleich auch seines Schmerzes und seiner tiefsten Besorgtheit. Jesus Christus würde es sich nicht verzeihen, in das Herz irgendeines Menschen ‘mit Kraftaufwand’, oder auch hinterlistig: über eine arglistige Verführung, bzw. Verlogenheit-Falschheit einzutreten.

Er steht dagegen und klopft an das Tor des Herzen jedes einzelnen Menschen an – in der Gestalt des schnöde misshandelten, blutenden Gekreuzigten, und doch schon Auferstandenen – in seiner stummen, aber umso mehr innigen Erwartung: Ob dieser Jemand, der – es kann so sein – die Tür seines Herzens öffnet und sich Seiner erbarmt? Es wandert doch hier – von Herz zu Herz – Er, der Gekreuzigte. Wird die Ansicht des solchen Erlösers – bei jenem, der sein Herz auf dieses Anpochen-Anklopfen ... öffnet, eine Regung des Erbarmens auslösen können?

Beginnen wir in diesem Moment etwa zu bemerken, wie sich die ‘Rollen’ hinsichtlich der erwiesenen – und erfahrenen Barmherzigkeit ... zu wechseln beginnen? Im Werk der Erlösung ‘neigt sich’ der Unendliche Gott im Kreuz des Sohnes Gottes über das ‘Geschick’ seines lebendigen Ebenbildes. Weil Er „nicht will”, dass irgendjemand „verloren geht, sondern das ewige ... Leben” hat (Joh 3,16).

Jetzt aber wechseln die ‘Rollen’ entschieden. Denn dieser Gekreuzigte sucht jetzt zweifelsohne eine Regung des ‘Mitleids’ auszulösen, oder vielleicht geradeaus – die Regung von ‘Barmherzigkeit’ dem Schöpfer gegenüber, der an der Tür des Herzens eines immer weiteren unter seinen Erlösten stehen bleibt und daran leise, schüchtern anpocht.
– Sollte es hier um einen nur rein menschlichen Reflex von Mitleid gehen? Oder auch bleiben wir hier vor einem weiteren Geheimnis des Vorhabens Gottes stehen, das in weitere Tiefen der gegenseitigen Beziehungen zwischen dem Erlöser und dem Erlösten führen möchte?

Es zeigt sich, dass hier immer deutlicher die grundsätzliche Voraussetzung zu Worte kommt, wie es die Barmherzigkeit vonseiten des Dreieinigen zu erlangen gilt. Diese Voraussetzung ist vollends verständlich und der Erlöser suchte danach, dass sie im Bewusstsein seiner Jünger tiefe Wurzeln fasst. So ist die Aussagekraft des Gleichnisses vom unbarmherzigen Schuldner (Mt 18,23-35).
– Der Meister von Nazaret hat aber diesen Grundsatz unzweideutig schon in seiner Bergpredigt formuliert. Er hat ihn nämlich als eine seiner Acht Seligpreisungen geschmiedet:

Selig die barmherzigen,
denn sie werden Erbarmen finden”
(Mt 5,7).

Diese Hinsicht bildet zugleich die tiefste theologische Begründung der angeführten Seligpreisung. Der Erlöser spricht hier zweifelsohne mit voller Deckung mit Bezug auf seine geheimnisvolle Solidarität mit ausnahmslos jedem Menschen, dass die dem Nächsten erwiesene Barmherzigkeit – von Ihm, dem Menschen-Sohn, als Barmherzigkeits-Werk angenommen wird, das dem Erlöser selbst erwiesen wird.

Diesem Grundsatz kommt aber außer Zweifel auch noch seine umgekehrte Seite zu. Und zwar – Gott bewahre, dass sich jemand als Un-barmherziger gegenüber irgendjemanden der Nächsten erweist. Eine tatgewordene Un-Barmherzigkeit kann unmöglich nicht als Un-Barmherzigkeit anerkannt werden, die dem Sohn des ewigen Vaters selbst erwiesen wird.

An diese Hinsicht knüpft auf ungemein eindeutige Weise der Barmherzige Jesus in seinen Offenbarungen an, die Er der Hl. Schw. Faustyna gewährt hat (s. TgF 742.1317.1155.1158). Die tatgewordene Un-Barmherzigkeit gegen irgendjemanden der Nächsten – wird zur Abriegelung der Barmherzigkeit Gottes des Dreieinigen für sich selbst, und folglich vielleicht selbst die Erlösungsgnade überhaupt.

In diesem Zusammenhang dürfte ein Schnappschuss vom Apostolischen Brief Johannes Paul II. an die Familien (1994) angeführt werden. Der Heilige Vater spricht darin – schon gegen das Ende des Briefes, u.a. vom Erlöser als dem Richter, indem er das Panorama ausweitet, die der Erlöser selbst noch zu seiner Lebenszeit vom Jüngsten Gericht abgezeichnet hat (Mt 25,31-46).
– In Weiterfolge der angeführten Worte Jesu Christi erwähnt der Heilige Vater zuerst die positiven Werke der Barmherzigkeit, die den Nächsten erwiesen werden – hier deutlich gerade in Form von Annahme Nicht Geborener Kinder, verlassener Kinder, Hilfe die kinderreichen Familien erwiesen wird, usw. (s. BF 22).
– Dann geht Johannes Paul II. aber auf Werke der Un-Barmherzigkeit gegen die Nächsten über, die also letztlich ... Jesus Christus selbst verletzen, indem sich der Erlöser ‘irgendwie’ mit jedem Menschen identifiziert. Es wäre verfehlt, das gerade besprochene Fragment aus diesem Brief hier nicht anzuführen:

„Wir wissen jedoch, dass es in dem vom Evangelisten Matthäus geschilderten Bericht vom Endgericht, auch diese zweite Liste gibt, eine bedrohliche und erschreckende:
‘Weg von Mir! (...) Denn Ich war hungrig, und ihr habt Mir nicht zu essen gegeben; Ich war durstig, und ihr habt Mir nicht zu trinken gegeben; Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt Mich nicht aufgenommen; Ich war nackt, und ihr habt Mir keine Kleidung gegeben’ [Mt 25,41-43].
– Auch auf dieser Liste werden sich gewiss ebenfalls noch andere Tatsachen finden lassen, in denen Jesus sich mit dem zurückgewiesenen Menschen identifizieren will.
– Er identifiziert sich mit der verlassenen Ehefrau oder dem Ehemann, mit dem empfangenen und abgewiesenen Kind: ‘Ihr habt Mich nicht aufgenommen’! Auch dieser Richterspruch geht mitten durch unsere Familien, durch die Geschichte der Nationen und der Menschheit.
– Dieses Christi: ‘Ihr habt Mich nicht aufgenommen’ betrifft auch die sozialen Institutionen, die Regierungen und internationale Organisationen ...” (BF 22).

Ozdobnik

3. „Ohne die Freiheit zu verletzen ...”

Wir bemerken, dass – sollte es auch Jesus Christus sehr dringend daran gelegen sein, mit dem Anklopfen an die Tür des menschlichen Herzens irgendeine Bewegung von Mitleid und Erbarmens bei der Ansicht selbst des Gekreuzigten Gott-Menschen auszulösen, hat Er doch auf keinen Fall vor, die Freiheit irgendjemandes seiner Brüder und Schwestern zu verletzen. Der Erlöser steht an der Tür des menschlichen Herzens beharrlich als der Gekreuzigte – um seiner Liebe willen zum Vater und zum Menschen. Dieser Vater hat dauernd das eine vor:

„Denn Gott [= der Vater] hat die Welt [= Welt der Menschen] so sehr geliebt,
dass Er seinen Eingeborenen Sohn – hingab,
dass jeder, der an Ihn glaubt [= Ihm anvertraut],
nicht zugrunde geht [= in ewiger Verdammnis],
sondern das Ewige – Leben hat” (Joh 3,16).

Gerade dieser Gottes Sohn steht jetzt am Tor des menschlichen Herzens und klopft daran an. Es kommt vor, dass sich der Erlöser in diesem Augenblick in seiner Göttlichen ‘Hoffnung’ gleichsam ‘vortäuscht’, dass dieser, der dieses Anklopfen vernimmt und Ihm die Tür des Herzens aufschließt, sich Seiner erbarmt, indem Er Ihn gerade in solcher Gestalt: des für ihn Gekreuzigten Erlösers, erblickt:

„... Er entäußerte sich selbst,
nahm Knechtgestalt an
und ward den Menschen gleich.
In seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden,
erniedrigte Er sich selbst
und wurde gehorsam bis zum Tode,
bis zum Tod am Kreuz” (Phil 2,7f. – JB).

Der Menschen-Sohn wird außer Zweifel den freien Willen von niemandem seiner menschlichen Brüder und Schwestern nötigen. So was widersetzte sich total seinem Schöpfer-Werk. Gott hat doch den Menschen als Person erschaffen. Es gibt keine Person ohne die Befähigung zur Selbst-Bestimmung, zum Selbst-Bewusstsein, noch die Fähigkeit, die Verantwortung unternehmen zu können.

Sollte der an das menschliche Herz anklopfende Erlöser die Aufschließung dieses Herzens aufgrund seiner Ansicht als des Gekreuzigten ... erpressen, handelte Er widersprüchlich zu sich selbst. Er zerstörte in diesem Fall sein eigenes Erschaffungs-Werk. Es sollte sich doch mit eben dieser Eigenschaft kennzeichnen: der Freiheit bei Unternehmung der Entscheidungen. Würde Gott irgendwelche Betätigung beim Menschen erpresst haben, hörte der Mensch auf – Mensch zu sein: er würde Sklave. Solchen Vorwurf lässt Gott der Schöpfer, und umso mehr der Erlöser, niemals zu.

Es besteht dagegen kein Zweifel, dass das erörterte „Anklopfen an das menschliche Herz” das eine anstrebt: aus der menschlichen Freiheit – einen vollends freien, kraft seiner inneren Dynamik auftauchenden Akt der Liebe auszulösen – zum Schöpfer und Erlöser, der Bräutigam-vom-Kreuz für diesen seinen weiteren Menschlichen Bruder oder Schwester geworden ist.

So ist der Sinn und der Zweck, um dessen willen Gott zuerst die Engel, dann aber die Menschen – mit der Gabe des freien Willens bereichert hat. Dank seiner wird der Mensche befähigt, über sich selbst zu bestimmen. Die Freiheit des Willens ist niemals ‘Zweck um des Zweckes willen’. Der Freie Wille ist immer instrumentelle Gabe, mit der Gott beschert, dass das höhere Ziel, dieses eigentlich beabsichtigte, erreicht werden kann. Und zwar die Freiheit des Willens ist unumgänglich, dass die Liebe entstehen kann. Sowohl diese zu Gott, wie zu jedem der Nächsten. Wo die Freiheit zur Liebe fehlt, wird es nur Sklavenschaft-mit-Zähneknirschen geben, nicht aber die Liebe

Verzierung

F.   SOLIDARITÄT MIT DEM GEKREUZIGTEN

Ozdobnik

1. Liebe als „Solidarität mit dem Leidenden Menschensohn”

Jetzt müssen wir aber noch einmal den erwogenen, langen Satz aus der Päpstlichen Enzyklika über die Barmherzigkeit Gottes anführen. Vor dem Anblick unseres Herzens stellt sich jetzt sein letzter Abschnitt:

DiM 8c:  „Gerade als der Gekreuzigte
DiM 8d:  ...
DiM 8e:  ist [Christus] Derjenige, der steht und an der Tür des Herzens
DiM 8f:   ... anklopft
DiM 8g:  indem Er seine Freiheit nicht verletzt,
DiM 8h:  sondern aus dieser menschlichen Freiheit die Liebe auszulösen sucht,
DiM 8i:   die nicht nur Akt der Solidarität mit dem leidenden Menschen-Sohn wäre,
DiM 8j:   sondern auch irgendwie ‘Barmherzigkeit’,
die von jedem von uns dem Sohn des Ewigen Vaters erwiesen wird” (DiM 8c-j).

Jetzt sammeln wir uns schon nur an dem zwei Aspekte aufweisenden letzten Bestandteil des theologischen Kondensats des Päpstlichen Satzes aus der besprochenen Enzyklika. Johannes Paul II. weist auf die weitlaufende Erlösungs-Wirkung, die mit der Tatsache selbst verbunden ist, wenn der Mensch bei der Ansicht des vor Ihm stehenden Gekreuzigten die Tür seines Herzens aufschließt und kraft seiner Selbstbestimmung aus sich einen Akt der Liebe zu diesem Gekreuzigten auslöst. Es wird etwa folgender aussehen können:

„Du mein Jesu Christe!

Du Geliebter! Gegeißelter, mit Dornen Gekrönter, Du Gekreuzigter – um meiner Sünden willen! Sovielmal auch um meiner schweren Sünden willen, die ich so oft, und das ganze Leben hindurch, verübt habe!

Du aber ... liebst mich – weiter noch!
Und vergibst mir immer wieder so leicht!
Du vertraust immer noch ... auf mich, Unwürdigen!


Mein Erlöser, Jesu!
Du Menschen-Sohn – Du Davids Sohn!


Ich ... liebe Dich ...!
Oder eher:
Ich möchte Dich lieben!”

Dieser, solcher Akt – nimmt fast sofort den Sinn an einer Solidarisierung mit diesem Gekreuzigten Sohn Gottes.
– Der Heilige Vater Johannes Paul II. hebt in diesem Zusammenhang hervor:

DiM 8h-j: „... aus dieser menschlichen Freiheit die Liebe auszulösen sucht,
die nicht nur Akt der Solidarität mit dem leidenden Menschen-Sohn wäre ...” (DiM 8h-j).

So ist gleichsam die erste Hinsicht des Aktes der Liebe zum Erlöser, die bei seiner Ansicht als des so sehr geschändeten Gottes „... zur Vergebung der Sünden” – entsteht. Es ist doch klar, dass nicht Jesus Christus, sondern jeder von uns die Marter dieser Passion erleiden sollte: die Geißelung, Dornenkrönung, alle anderen Marter bis einschließlich die Kreuzigung. Indessen hier erduldet diese schauderhaften Marter der Gott-Mensch, Jesus Christus – anstelle des Menschen.

Sooft jemand Christus dem Leidenden Mitleid erweist, erlebt er in seinem Herzen zugleich seine Schuld des Dankes diesem Erlöser gegenüber für seine unbegreifliche, unverdiente Liebe und die uns dargeschenkte Erlösung. Jesus Christus nimmt diese Wahrnehmung des solidarischen Bandes seiner Jünger an, die seine Passion betrachten und sich mit dieser Hilfe anregen, diese unaussprechliche Erlösungs-Initiative des Dreieinigen zu erwidern.

Durch die Hl. Schw. Faustyna spricht Jesus Christus:

„Ich möchte, dass du Meine Liebe, mit der Mein Herz zu den Seelen entflammt ist, tiefer kennen lernst.
Du wirst das verstehen, wenn du Mein Leiden betrachtest ...” (TgF 186).

Die Betrachtung der ‘Schmerzreichen’ Geheimnisse des Lebens des Erlösers wird auf solche Weise zum Weg, die unerforschten Schätze der Liebe Christi sowohl zum Vater, wie zu uns, seinen menschlichen Brüdern und Schwestern, besser kennen zu lernen.

Ozdobnik

2. Passiv – oder aktiv angesichts der Erlösung zu bleiben

An dieser Stelle dringt sich ein weiterer, gesonderter Aspekt unserer Liebe zum Gekreuzigten auf, die in Antwort auf die Ansicht seiner unmenschlichen, schmachvollen Behandlung ausgelöst wird (vgl. Jes 53,2f.). Und zwar, die erfahrene Gnade der Erlösung kann nicht allein darauf beruhen, passiv ‘zur Kenntnis’ angenommen zu haben, dass Gott selbst im Fleischgewordenen und Gekreuzigten Gottes Sohn das Werk der Erlösung vollbracht hat, dann von den Toten auferstanden, in den Himmel aufgefahren ist – und damit ist alles ‘zu Ende gekommen’.

Die vollbrachte Erlösung wird für jeden Menschen ein niemals aufhörendes neuerliches „Anklopfen an die Tür des Herzens eines jeden Menschen”. Es strebt die anhaltend bestätigte neuerliche Auslösung an – des gerade erst beschriebenen Aktes der inneren Freiheit des einzelnen Erlösten angesichts dieses Gekreuzigten. Die Erlösung durch das Blut Christi wird zum fortdauernden Aufruf zur von nun an aktiven Mitarbeit mit der unverdienten Gnade der so teuer vollbrachten Erlösung.

Es dürfte hier wiederholt die Aussage Johannes Paul II. angeführt werden, die er in seinem anderen Umbruchs-Dokument ausgedrückt hat, und zwar bei der Inauguration des Außergewöhnlichen Jahres der Erlösung 1983-1984:

„Das außergewöhnliche Begehen des Jubeljahrs der Erlösung möchte ... in den Söhnen und Töchtern der Katholischen Kirche das Bewusstsein beleben,
dass sie ‘ihren bevorzugten Zustand nicht den eigenen Verdiensten verdienen,
sondern der besonderen Gnade Christi
.
Sollten sie aber mit dieser Gnade nicht mitgearbeitet haben – mit Gedanken, Worten und der Werken,
werden sie nicht nur nicht erlöst werden, sondern umso mehr streng gerichtet werden’ ...” (APR 4).

Man braucht sich nicht wundern, dass der Aufruf Christi zur Bekehrung und Erneuerung des Lebens in Strahlen der Gnade unaufhörlich und alle Jahrhunderte hindurch zeitgemäß bleibt:

„Weil alle – Sünder sind, benötigen alle diese radikale Umwandlung des Geistes,
des Denkens und Lebens, die in der Bibel metánoia, Bekehrung heißt.
– Diese Haltung erwächst und schöpft Nahrung vom Gottes Wort,
das Offenbarung der Barmherzigkeit des Herrn ist,
das sich vor allem auf dem Sakramentalen Weg verwirklicht
und in vielfältigen Formen der Liebe und des Dienstes den Brüdern zum Vorschein tritt ...” (APR 5).


Es könnte gesagt werden, dass das Werk der Erlösung, dessen Wert wegen der Göttlichen Würde der Person Jesu Christi unendlich ist, weil der Gott-Mensch selbst „Sühneopfer für unsere Sünden ... und die der ganzen Welt” (1 Joh 2,2) geworden ist, gleichsam einen unvorstellbaren, riesiger Größe kostbarsten unter allem möglichen, Brillant bildet, der aber in Form eines einen, nicht geteilten ‘Blocks’ da steht.
– Man kann zu Hause einen Berg Gold haben, bzw. eine riesige Anzahl von Banknoten mit höchstmöglichen Nennwerten – und doch vor Hunger ... sterben. Es kann zu nichts taugen, dass jemand auf einem Sack mit dicken Banknoten schläft, wenn man ihm im Laden die Million-Banknote nicht in Kleingeld wechseln kann um für diese ‘Wenigkeit’ einen Brotlaib zu kaufen ...

Das Werk der Erlösung, das der Sohn Gottes auf sich genommen hat – Johannes Paul II. weist diesbezüglich auf das Göttliche Ausmaß des Erlösungs-Werkes hin, stellt eben solchen, unendlichen Wertes Brillant dar. Dieses Erlösungswerk kann einem konkreten Menschen faktisch überhaupt nichts helfen und für ihn umsonst sein, wenn dieser ‘Brillant’ ... nicht geteilt werden wird, gleichsam in ‘Kleingeld’ gewechselt, dass die unendlichen Verdienste Jesu einen Erlösungs-‘Nutzen’ zuguten des einzelnen Menschen: Mann und Frau, annehmen.

Wie kann es zu solchem ‘Wechsel-ins-Kleine’ dieses Schatzes von unendlichem Wert gebracht werden, dass er benützt werden kann – sowohl für sich selbst, wie ... um den anderen zu verhelfen, die sich selbst nicht helfen können, weil sie vielleicht noch außerhalb des Bereiches der unmittelbaren ‘Strahlung’ der so teuer vollbrachten Erlösung leben?

Eben hier beginnt der aktive Anschluss des einzelnen Erlösten an das Erlösungs-Werk Jesu Christi. Jesus Christus erweist seine Liebe zu den Erlösten geradeaus darin, dass Er die Erlösung nicht ganz ‘selbst’ vollbringt, sondern dauernd „steht und an die Tür des Herzens eines jeden Menschen anklopft”, indem Er aber seinen freien Willen nicht verknechtet, sondern danach strebt, aus ihm die „Liebe auszulösen” (DiM 8h).

Eben solcher Akt der Liebe zum Gekreuzigten wird durch die Tatsache der „Solidarisierung” dieses Menschen, der die Tür seines Herzens für den anklopfenden Erlöser aufschließt – zum ‘Abbrechen’ eines Teilchens von diesem Schatz der Erlösung, dessen Wert unendlich groß ist. Die Erlösung beginnt daselbst für diesen Bruder, diese Schwester Christi Frucht zu bringen. Sie lassen sich nämlich aktiv in das Erlösungswerk Christi ‘miteinbeziehen’, indem sie nicht seine ‘passiven’ Nutznießer bleiben, falls sie dieses empfangene „Talent” fruchtlos in die ‘Erde eingraben’ würden, also keine Mühe unternommen haben würden, dass es die erwarteten Prozente bringt (vgl. Mt 25,25).

Ozdobnik

3. „Was an Leiden Christi fehlt – zu ergänzen”

In diesem Zusammenhang sollte ein ungemein charakteristisches Fragment von der Lehre Johannes Paul II. angeführt werden – diesmal aus seiner Bulle „Incarnationis Mysterium” [= Das Geheimnis der Fleischwerdung], veröffentlicht zur Inauguration des begangenen Großen Jubiläums der 2000 Jahre seit der Geburt Jesu Christi. Johannes Paul II. spricht im erwähnten Fragment zwar vom Gewinnen des Jubiläums-Ablasses, dennoch meritorisch gesehen berührt er eine bedeutend mehr seriöse Frage: und zwar der „Ergänzung dessen, was den Leiden Christi fehlt – zugunsten seines Leibes, das ist die Kirche” (Kol 1,24). Der Heilige Vater schreibt nämlich:

„Auf der anderen Seite lehrt uns die Offenbarung, dass der Christ den Weg der Bekehrung nicht einsam zurücklegt. In Christus und durch Christus wird sein Leben mit einem geheimnisvollen Band mit dem Leben aller anderen Christen in der übernatürlichen Einheit des Mystischen Leibes verbunden.
– Dank dem erfolgt zwischen den Gläubigen ein wunderbarer Austausch der geistigen Gaben, der dies zu Folge hat, dass die Heiligkeit des einen zur Hilfe der anderen wird – in bedeutend größerem Maß, als die Sünde des einen den anderen schaden kann ...” (IM 10).

Johannes Paul II. hat hier einen ungemein wichtigen Grundsatz formuliert. Er erinnert an das unsichtbare Band, das alle Jünger Christi, auch jene alle, die sich zu Christus nicht bekennen – in übernatürlicher Einheit des Mystischen Leibes Jesu Christi verbindet. Sein Haupt bleibt immer der Gott-Mensch Jesus Christus, wogegen wir – ob wir uns darüber bewusst sind oder nicht, sind seine lebendige, manchmal faktisch ... totgewordene Glieder.

Ferner, der Papst betont die Tatsache des verwundernden „Austauschs der geistigen Gaben”, die zwischen den Gliedern des Mystischen Leibes Jesu Christi erfolgt. Verwundernd ist die Tatsache, dass die Heiligkeit eines einzelnen zur wesentlich größeren Stütze für das ganze Mystische Leib wird, als die Sünde eines anderen der Gesamtheit desselben Mystischen Leibes Christi zu schaden imstande ist. Diese Feststellung ist ungemein charakteristisch – und kann sehr mobilisierend wirken.

Darauf beruht die weitere Erwägung Johannes Paul II. betreffs der unternommenen Werke, denen in Gottes Angesicht ein „stellvertretender” Wert zusteht, der auf eigenartige Weise die Waagschalen des zugefügten Übels zugunsten des Guten ‘überwiegt’.
– In diesem Sinn spricht Johannes Paul II. weiter:

„Manche Menschen hinterlassen gleichsam ein Übermaß an Liebe, ertragener Leiden, Reinheit und Wahrheit, das die Anderen umfängt und stützt.
– Darin besteht eben die Wirklichkeit der „Stellvertretung” (lat.: vicaríetas), auf der das ganze Geheimnis Christi beruht. Seine überreiche Liebe erlöst uns alle.
– Von der Unermesslichkeit der Liebe Christi zeugt auch, dass Er uns nicht im Zustand passiver Empfänger belässt, sondern uns in sein Erlösungs-Werk, und insbesondere in seine Passion einbezieht. Darüber spricht der bekannte Vers aus dem Brief an die Kolosser: ‘Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt’  [Kol 1,24].
– Diese tiefgründige Wirklichkeit ist wunderbar auch im Buch der Offenbarung ausgedrückt, wo die Kirche als die Braut dargestellt wird, die mit einer einfachen blendend weißen reinen Leinwand bekleidet ist’. Der hl. Johannes fügt hinzu: ‘Das Leinen bedeutet die gerechten Taten der Heiligen’ [Offb 19,8]. Die Heiligen weben nämlich in ihrem Leben gleichsam eine blendend weiße Leinwand’, die die Bekleidung der Ewigkeit ist” (IM 10).

Ozdobnik

4. Schatzkammer der Kirche

Johannes Paul II. knüpft hier an – das sollte man sich gut merken – an das in der Apokalypse angewandte Bild der Triumphierenden Kirche. Sie erscheint als Braut, die für die Hochzeit mit dem Lamm dem Menschen-Sohn, dem Bräutigam der Kirche, selbstverständlich mit dem „Bräutigam-vom-Kreuz” (Ap 19,7) vorbereitet ist. Diese Braut und Gemahlin zugleich hat sich zu dieser Hochzeit erst „geschmückt”, indem sie auf das gewöhnliche Gewand – die „blendend weiße reine Leinwand” angezogen hat, was nach dem Autor der Apokalypse „die gerechten Taten der Heiligen bedeutet” (Ap 19,8).

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Erklärung

Man könnte sich die Frage stellen: Sind diese „gerechten Taten der Heiligen” nicht etwa gleichbedeutend mit dem oben erwähnten ‘Abbrechen’ von diesem Brillant der Verdienste Christi eines ihren kleinen Teilchens, jedoch ‘gemischt’ und verbunden mit eigenen Werken dieser getreuen Diener des Erlösers, die sich nicht damit zufrieden lassen, die Verdienste Christi auf ‘passive Weise’ zu empfangen, sondern danach streben, dieses Teilchen jenes ‘Brillants’ des Erlösers zur Frucht zu bringen – in Form seines möglich reichlichsten ‘Prozent-Ertrags’?

So wächst in der Kirche an und vermehrt sich im Laufe der Zeiten und Jahrhunderte die Schatzkammer der Verdienste der Kirche. Ihre Grundlage bildet selbstverständlich vor allem das Werk der Erlösung – unendlichen Wertes. Und alle Verdienste Mariens, der Mutter Christi – und Mutter der Kirche. In weiterer Folge kommen die Verdienste der einzelnen Heiligen und aller anderen Gläubigen hinzu, die in Gnade verharren und mit Gottes Hilfe die empfangenen Schätze der Erlösung vermehren.

Daran knüpfen die weiteren Worte Johannes Paul II. in der gerade angeführten Bulle zur Inauguration des Großen Jubiläums 2000 an:

„Alles kommt von Christus. Da wir aber Ihm angehören, wird auch das,
was unser ist, zu Seinem Eigentum und gewinnt eine heilende Kraft.
– Daran denken wir eben, wenn wir vom ‘Schatz der Kirche’ sprechen, der die guten Werken der Heiligen enthält. Um die Erlangung des Ablasses beten [= Anknüpfung an den Jubiläums-Ablass] heißt, sich in diese Geistige Kommunion einzuschließen und sich daselbst ganz für die Anderen aufzuschließen. Denn auch in der Geistigen Sphäre lebt niemand für sich allein. Die lobenswerte Sorge um die Erlösung der eigenen Seele wird erst dann von Furcht und Egoismus gereinigt, wenn sie zur Sorge um die Erlösung auch Anderer wird.

Das ist die Wirklichkeit der Gemeinschaft der Heiligen, das Geheimnis der ’Wirklichkeit der Stellvertretung’ (lat. vicaríetas), des Gebetes als Weges zur Einheit mit Christus und mit seinen Heiligen. Er nimmt uns zu sich, damit wir zusammen mit Ihm das reine Gewand der neuen Menschheit weben, die blendend weiße Leinwand, mit der die Braut Christi bekleidet ist.

Die Lehre über die Ablässe lässt demnach vor allem erkennen, dass der Weggang von Gott große Trauer und Bitterkeit hervorbringt [vgl. Jer 2,19]. Denn die Gläubigen, die Ablässe erwerben, werden sich bewusst, dass sie aus eigener Kraft nicht fähig wären, das Übel, das sie durch die Sünde sich selbst und der ganzen Gemeinschaft zugefügt haben, wieder gut zu machen. So werden sie zu heilbringenden Akten der Demut angeregt’.
– Außerdem sagt uns die Wahrheit von der Gemeinschaft der Heiligen, die das Band der gegenseitigen Einheit mit Christus bildet, wie sehr ein jeder dem Anderen – Lebenden oder Verstorbenen – helfen kann, dass sie immer enger mit dem Himmlischen Vater verbunden sind” (IM 10).

Die Worte des Heiligen Vaters helfen uns – wie es ersichtlich ist, so auf Jesus den Gekreuzigten zu blicken, dass die sich aus unserer Freiheit auslösende Liebe zu Ihm zugleich immer mehr bewusste Solidarisierung mit Ihm – diesem Gepeinigten, wird, wodurch wir uns immer beständiger für Ihn und für die Nächsten öffnen. Tiefster Beweggrund bei der an Kraft zunehmenden und gestärkten Haltung wird der Bedarf der Liebe, die nicht zulassen will, dass irgendein ‘Tropfen’ seines Kostbarsten Blutes auf die Erde vergebens hinabfällt: indem er unbemerkt, oder von irgendjemandem der Menschlichen Brüder und Schwestern des Erlösers verschmäht worden wäre.

Ozdobnik

5. „Das dem Gottes Sohn erwiesene Erbarmen”

Wir kehren zum Ende selbst des erörterten langen Satzes aus der Enzyklika über die Barmherzigkeit Gottes zurück (DiM 8a-h). Hier noch einmal die Worte des betrachteten Textes:

DiM 8c:  „Gerade als der Gekreuzigte
DiM 8d.  ist Christus ...
DiM 8e:  derjenige, der steht und an der Tür des Herzens anklopft
DiM 8f.   ...
DiM 8g:  indem Er seine Freiheit nicht verletzt,
DiM 8h:  sondern aus dieser menschlichen Freiheit die Liebe auszulösen sucht,
DiM 8i:   die nicht nur Akt der Solidarität mit dem leidenden Menschen-Sohn wäre,
DiM 8j:   sondern auch irgendwie ‘Barmherzigkeit’,
!empt (0 kB)die von jedem von uns dem Sohn des Ewigen Vaters erwiesen wird” (DiM 8c-j)..

Es geht in diesem Moment um das letzte Glied des erörterten Satzes: „... sondern auch irgendwie ‘Barmherzigkeit’, die von jedem von uns dem Sohn des Ewigen Vaters erwiesen wird” (DiM 8j).

Oben sind wir uns schon mit Johannes Paul II. bewusstgeworden, dass der Akt der Liebe, den Jesus in seiner Feinfühligkeit aus unserer Freiheit auszulösen sucht, sooft Er an der Tür unseres Herzens als der Gekreuzigte stehen bleibt und hier anklopft, unter diesen Bedingungen gleichbedeutend mit unserer Solidarisierung mit eben diesem Erlöser ist: diesem Gekreuzigten. Denn – strikt genommen – sollte doch jeder von uns, nicht aber Er, der Unschuldige, auf so grausamen Tod – über die Kettenreihe der Rechts-Anordnungen die der Gerechtigkeit hohngesprochen haben, verurteilt, gekreuzigt und zu Tode gemartert worden sein.
– Beziehen wir uns zum Erlöser mit unserem vielleicht ganz miserablem, aber doch in Reumut des Herzens aufrichtig zum Ausdruck gebrachten: „Du Gekreuzigter Jesus! Ich liebe Dich!”, wird dieses spontane Bekenntnis unserer Liebe Zeugnis unserer vollen Solidarisierung mit Ihm als dem Gekreuzigten.


Das bedeutet aber noch nicht alles. Johannes Paul II. betont ganz am Ende des erwogenen Satzes den noch anderen, ganz unwahrscheinlichen Aspekt des Aktes des Liebe, der im menschlichen Herzen bei der Ansicht Christi des Gekreuzigten auftaucht. Und zwar eben dieser Akt unserer Liebe zum Herrn nimmt die Beschaffenheit an eines Werkes der Barmherzigkeit, die wir – die Sündigen, vielleicht würdig dass wir für ewig verdammt werden – dem für uns leidenden Sohn Gottes erweisen können und dürfen:

„... Christus, ... der steht und an der Tür des Herzens ... anklopft ... indem Er ... die Liebe auszulösen sucht, die nicht nur Akt der Solidarität mit dem leidenden Menschen-Sohn wäre, sondern auch irgendwie ‘Barmherzigkeit’, die von jedem von uns dem Sohn des Ewigen Vaters erwiesen wird” (DiM 8c-j).

Der Heilige Vater berührt hier eine Wirklichkeit, die in zutiefstes Nachsinnen führt, und zugleich in höchste Entzückung. Sollte es nämlich tatsächlich möglich und wahrscheinlich sein, dass der sündhafte MenschBarmherzigkeit’ seinem Schöpfer und Erlöser erweisen sollte? Es zeigt sich, dass es tatsächlich nicht nur möglich ist, sondern vollends real – und dabei sehnsüchtigst erwartet wird!

Aber noch mehr: der Erlöser wartet ... zweifelsohne auf gerade solchen Akt der Liebe unserseits.
– Auf selbe Weise wartet auf die so seinem Eingeborenen Sohn erwiesene Liebe – der Himmlische Vater, und zweifelsohne auch der Heilige Geist.

Jeder Akt der allergewöhnlichsten menschlichen Liebe, die dem Gekreuzigten, dem so zutiefst Gedemütigten, schmachvoll Behandelten, Erniedrigten Gottes Sohn erwiesen wird – wird in wahrhaftesten Sinn Akt der Genugtuung und Liebe gegen diesen Gekreuzigten. Und daselbst zum Akt der Anbetung und Danksagung gegen die ganze Allerheiligste Dreifaltigkeit.

Es zeigt sich, das alles ist nicht nur möglich, sondern es wird auch von Gottes seiten zutiefst ... erwartet.

Sollte das Geschöpf tatsächlich mit der ‘Zuständigkeit’ ausgestattet sein, seinen Schöpfer selbst für die eigenen – und diese der anderen Sünden ... ‘trösten’ imstande zu sein? Und folglich – in einer für uns schwer genauer zu bezeichnenden Art und Weise: Gott selbst für die eigenen und die fremden Sünden ... eine Sühne leisten zu können ?


Unmittelbar nach dem im hiesigen Kapitel von uns ausführlich erörterten Satz aus der Enzyklika über die Barmherzigkeit Gottes setzt Johannes Paul II. seine Erwägungen noch weiter fort. In eigenartiger Zusammenfassung dieses Fragments weist der Heilige Vater noch einmal auf die große Würde des Menschen hin. Diese Würde, die Gott selbst bis zum unerhörten Grad erhoben hat, beruht u.a. darauf, dass der Mensch gerufen wird, seinem Schöpfer und Erlöser selbst Barmherzigkeit zu erweisen. Wenn wir uns inniger bewusst zu werden suchen, was diese Worte eigentlich bedeuten, wirkt solcher Gedanke selbst schwindelerregend. Indessen zu solcher Wirklichkeit ruft jeden der Erlösten der Herr selbst:

DiM 8k: „Kann ... im Lauf der ganzen Offenbarung der Barmherzigkeit durch das Kreuz die Würde des Menschen mehr geehrt und erhoben werden, wenn er, indem er Barmherzigkeit erfährt, zugleich gleichsam dieser ist, der ‘Barmherzigkeit erweist’?
– Steht Christus letzten Endes auf diesem Standpunkt dem Menschen gegenüber nicht auch dann, wenn Er sagt:
Was ihr für einen Meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan’ ...”? (DiM 8k).

Verzierung

G.   ZUR BEENDUNG

Ozdobnik

Die dargestellte Reihe der sechs Erwägungs-Themen führt vielleicht zum tieferen Verständnis des Geheimnisses der Barmherzigkeit Gottes bei.

Wir werden uns wahrscheinlich ein wenig besser bewusst, dass Barmherzigkeit in Gottes ‘Ausgabe’ letzten Endes nur anderer ‘Name’ der Liebe des Dreieinigen darstellt, die ab dem Zeitpunkt an, als die menschliche Sünde Tat geworden ist, auf Barmherzigkeit umgeschaltet hat.

Es ist wahr, Gott könnte angesichts der Sünde seines lebendigen Ebenbildes den aufständischen Menschen sofort verurteilen. Dies wäre vollends ‘gerechtfertigt’. Allerdings Gott wäre damit nicht ‘Er Selbst’! Seine Schöpfer-Liebe, wenn auch schmachvoll behandelt und zurückgewiesen, unternimmt von nun an alle mögliche Mühen, um die Liebe – diese spontane Liebe des Menschen, zu wiedergewinnen. Gott sieht: der Mensch, das Geschöpf seiner Liebe, ließ sich leider vom Bösen verführen ...!

Wie könnte das erreicht werden? Der Dreieinige ist allzu feinfühlig, um die Liebe zu sich aufzunötigen. In solchem Fall wäre es übrigens keine Liebe mehr, sondern ... Knechtschaft und Verachtung. Daher tritt Gott in das menschliche Herz außer Zweifel niemals mit Anwand von ‘Kraft’ ein.

In seinem Eingeborenen Sohn, der im Geheimnis der Fleischwerdung Menschen-Sohn geworden ist: Gott-Mensch, „steht und klopft” der Dreieinige von neuem an der Tür des Herzens eines jeden Menschen an. Der Dreieinige unternimmt in Christus – dem Gekreuzigten, aber Auferstandenen – vollends tolle Tätigkeiten, um die ‘Gunst’ seines lebendigen Ebenbildes auf Erden: Mann und Frau, zu wiedergewinnen. Er legt jeden Preis hin, um dieser Seinen, dieser doch Geliebten – zu beweisen, dass es Ihm nicht um den eigenen Nutzen geht.

Der einzige Beweggrund, dass Gott in Jesus Christus „gehorsam wird ... bis zum Tod am Kreuz”, ist die Liebe, die ab dem Moment, als der Mensch in Sünde gefallen ist, diese Liebe trotz allem nicht zurückzieht, sondern sich in Ganz-Opfer des Liebe-Seins umgestaltet. Sie wird zu solcher Liebe, die sich Selbst Ganzen dahingibt zur Nahrung und zum Trank des Lebens dieses – aller Undankbarkeit zuwider – „um seiner Selbst willen Geliebten”.

Solche Liebe Gottes bezeichnen wir gerade mit dem noch anderen Namen: es ist die Barmherzige – Liebe. Oder schlechterdings: es ist Gottes Barmherzigkeit.

Verzierung

RE-Lektüre: V.Teil, Kapit.6c:
Stadniki, 15.XI.2013.
Tarnów, 13.II.2019.

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3. Die sterbenden Kleinen Kinder – die Behinderten – Jeder
Du, Mein vielgeliebtes Kind ... Tabelle
4. Was mit dem Abgrund der ‘Unterwelt’ ?
Scheol: Unterwelt für nicht Getaufte Kinder usw.?
Bitte für uns Sünder ... Tabelle
Kind Meines Erlösungs-Blutes ... Tabelle

5. Das Päpstliche Wort: „ ... Es lebt jetzt in Gott”
6. Der Festtag der Unschuldigen Kinder und die Nicht Geborenen

E. „ER KLOPFT AN ... UND VERLETZT DIE FREIHEIT NICHT”
1. Der Erlöser an der Tür des menschlichen Herzens
2. Wechsel der ‘Rollen’ beim Erweisen und Erfahren der Barmherzigkeit
3. „Ohne die Freiheit zu verletzen ...”

F. SOLIDARITÄT MIT DEM GEKREUZIGTEN
1. Liebe als „Solidarität mit dem Leidenden Menschensohn”
Jesu, Du mit Dornen Gekrönter ...! Tabelle
2. Passiv – oder aktiv angesichts der Erlösung zu bleiben
3. „Was an Leiden Christi fehlt – zu ergänzen”
4. Schatzkammer der Kirche
5. „Das dem Gottes Sohn erwiesene Erbarmen”

G. ZUR BEENDUNG
End-Erwägung


Bilder-Fotos

Abb.1. Lachendes, frohes Mädchen
Abb.2. Ehegatten Gesicht zu Gesicht im schwierigen Dialog
Abb.3. Bei der Wand des Weinens, am 26.III.2000, Jerusalem
Abb.4. Bild des Hl. Josef in der Kirche in Kraków-Płaszów